1 Film, 2 Meinungen: Review zum Film LADY BIRD

Von Ricarda Eichler und Beate Geibel

Am 19. April startet endlich der hochgelobte und 5-fach Oscar-nominierte Film LADY BIRD in den deutschen Kinos. Worum es geht und ob es sich für euch lohnt erfahrt ihr hier – bei 1 Film, 2 Meinungen:

Beate sagt…

Neben I, Tonya eine weitere hervorragend gespielte Mutter-Tochter Beziehung, mit dem gravierenden Unterschied, dass es sich bei LADY BIRD um ein gewaltfreies, liebendes, wenn auch schwieriges und intensives Verhältnis zwischen Mutter (Laurie Metcalfe) und der Tochter (Saoirse Ronan) handelt.

Ein weiterer Unterschied ist die Geschwindigkeit des Filmes, die hier bei LADY BIRD im Vergleich zu I, Tonya, doch um einiges gemächlicher daherkommt, was aber die Geschichte umso besser transportiert, auch wenn es dadurch Teile des Filmes gibt, die einem etwas langatmig erscheinen. Auch gibt es hier kaum schwarzen Humor, sondern eher Alltagssituationskomik.

Was ich mir gewünscht hätte, wäre dass Regisseurin Greta Gerwig insgesamt mehr Zeit auf die Nebenfiguren verwendet, die eher für die hässlichen Momente im Film verantwortlich sind, die die Geschichte auch aushalten muss, um glaubwürdig zu bleiben.

Alles in allem eine schöne Coming of Age Geschichte, mit tollen Darstellern, die nie wirklich langweilig, eine schon 100 mal gesehene Thematik neu erzählt und die berührt.

Fazit: 9/10 Goldblums

Ricarda sagt…

Ach Teenager – entweder man liebt sie oder man hasst sie. Zweifelsohne war jeder von uns aber selbst mal einer und kennt wahrscheinlich diese „Teenage-Angst“, wie sie im amerikanischen Sprachgebrauch heißt. LADY BIRD handelt nicht nur von eben jener Suche nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmung – sondern auch von der schwierigen Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Christine „Lady Bird“ McPherson wächst im beschaulichen Sacramento auf und geht auf eine katholische High School. Ihre Familie ist arm und wohnt „auf der falschen Seite der Gleise“. Lady Birds Name ist ein Versuch sich selbst zu definieren und von ihren Eltern abzugrenzen. Es ist doch idiotisch sich so nennen zu lassen, wie es sich einst die Eltern ausgedacht haben. Sie träumt vom College an der Ostküste – so weit weg von Sacramento wie möglich, da wo die wahre Kultur eben stattfindet. Doch ihre Mutter hält ihr stets vor, dass dieser Traum finanziell nicht realisierbar ist und holt sie auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wie so viele Teenager sieht sich LADY BIRD zu Größerem berufen und will sich nicht mit der Mittelmäßigkeit des mittleren Ostens zufrieden geben. Dass ihre beste Freundin – ohne es groß zu merken – am Ende besser in allem ist, was auch LADY BIRD anfasst kratzt am kleinen Ego. Und so versucht sie sich eben neu zu definieren, sucht sich neue Freunde, eine neue Identität. Von der künstlerisch interessierten Außenseiterin ab in die coole Parkplatz-Clique.

Die Teenage-Amnesie

LADY BIRD gegenüber steht ihre Mutter, die Krankenschwester Marion, welche Schicht um Schicht arbeitet, um die Familie quasi im Alleingang zu ernähren. Familienvater Larry (Tracy Letts) hat gerade seinen Job verloren und hat Depressionen. Der Sohn Miguel ist schätzungsweise adoptiert. Einem Brieffetzen von Marion kann man später entnehmen, dass ihre Schwangerschaft mit LADY BIRD wohl ein Wunder war mit dem seinerzeit keiner rechnete. Und darum klammert sich Marion so an ihre Wunschvorstellung ihrer Tochter.

Vielen Eltern geht es so rational um das Wohl ihrer Kinder, dass sie dabei vergessen, wie es ihnen selbst als Teenager ergangen ist. Sie vergessen, dass Teenager viele Fehler einfach selbst machen müssen, um daraus zu lernen und wachsen. An dieser Teenage-Amnesie leidet auch Marion. Es mag an den Finanzen liegen, dass sie LADY BIRD lieber am lokalen staatlichen College sehen würde – aber mit Sicherheit ist es auch einfach ihr Versuch ihr Kind bei sich zu halten.

Wie ist dein Name? Christine, ich bin Christine.

Lady Birds Reise in dem knappen Jahr, die der Film umfasst, zeigt ihre Wandlung vom rebellischen Teenager, der sich von allem abgrenzen und selbst definieren möchte – zu der Realisierung, dass sie ihre Familie und Heimatstadt natürlich doch vermisst, wenn sie diese Abgrenzung letztendlich erreicht hat. Man merkt erst wie sehr man etwas vermisst, wenn es endlich weg ist. Ihre Entwicklung gipfelt in der Erkenntnis, dass Christine eigentlich doch ein guter Name ist. Sie akzeptiert, dass ihre Familie ihr viel mitgegeben hat und beginnt dankbar zu sein für die Kindheit in der es ihr doch an nichts mangelte und für die schöne Stadt, mit der sie letzten Endes doch viele gute Erinnerungen verbindet.

Zum Film

Greta Gerwigs Regie-Debüt weist autobiographische Züge auf. Auch Gerwig wuchs in Sacramento auf, besuchte dort eine katholische High School und hatte eine manchmal schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Dennoch möchte Gerwig den Film nicht als Autobiographie verkaufen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Biographie lässt sie offen und der Zuschauer darf rätseln.

Der Film feierte seine Premiere auf dem Toronto Film Festival 2017 und machte jüngst mit seinen 5 Oscar Nominierungen Schlagzeilen. Mit nach Hause nehmen durften Cast und Crew leider keinen davon. Dabei finde ich dass gerade Laurie Metcalf den als beste Nebendarstellerin sehr verdient hätte. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst Mutter bin, aber ich konnte Ihre Verzweiflung und den enormen Druck, der auf Marion lastete sehr gut nachvollziehen.

Fazit: Wunderbar gespielte Geschichte ums Erwachsenwerden und Loslassen, um Dankbarkeit und Familie. Dafür 9 von 10 Punkten

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