Chernobyl (c) HBO

1 Serie, 2 Meinungen: CHERNOBYL (SKY/HBO)

Von Beate Geibel und Ricarda Eichler

Die Serie über die jeder spricht – aber die bisher keiner ohne Sky sehen konnte – kommt endlich auf DVD/Blu-Ray und zum digitalen Download. Endlich mitreden auf dem Pausenhof. Yeah! Die laut IMDb beste Serie der Welt ist ab 2. August 2019 auf allen Plattformen als digitaler Download erhältlich. Ab 6. September erscheint das gefeierte TV-Drama CHERNOBYL dann auf DVD, Blu-ray und als limitiertes Blu-ray Mediabook. Alle an Bord des Hype-Train? Wir bieten euch starkes Kontrastprogramm mit Ricardas und Beates Meinung. Ob es am Generationsunterschied liegt?

Zum Inhalt von CHERNOBYL

Am 26. April 1986 explodiert Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Als einer der ersten vor Ort erfasst der sowjetische Atomphysiker Valery Legasov (Jared Harris) das ganze Ausmaß der Katastrophe. Im Auftrag des Kremls soll der stellvertretende sowjetische Premierminister Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård) die Regierungskommission für Tschernobyl leiten, während die Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) herauszufinden versucht, was wirklich zur Katastrophe führte.

Was Ricarda sagt…

Die Serie packt natürlich. Traumatische Bilder, düstere Töne – der Fakt, das fast alles wirklich so passiert ist. Dass man weiß, hier sind tatsächlich Menschen zu Tausenden gestorben. Es ist praktisch unmöglich hierüber ein negatives Wort zu verlieren, ohne als Ketzer zu gelten. Und ich habe auch nichts Negatives zu berichten. Aber – und nennt mich Ketzer (!) – ich brauch jetzt auch keine zweite Runde im Hype-Train.

Für Attribute wie „beste Serie der Welt“ fehlt mir hier einfach zu viel. Und das sind keine Sachen für die HBO oder Sky etwas können! Es wäre viel schlimmer, wenn sie die reale Geschichte für zusätzliche Spannung und Cliffhanger aufgebauscht hätten. Aber bei Historien-Serien ist es halt immer wie es ist: selbst als Geschichtslaie weiß man grob wie es ausgeht. Oder hat zumindest adäquate Wege und Mittel sich dieses Wissen anzueignen. Das nimmt schon mal einen Großteil der möglichen Spannung. Diese kann dann schon mal nur noch auf kleiner Ebene simmern. Bei den Charakteren die durch die Geschichte vielleicht im einzelnen weniger bekannt sind – oder gar frei erfunden, wie beispielsweise Emily Watsons Ulana Khomyuk.

Man hat die Möglichkeit mit diesen Mitzufiebern: Können sie ihre kleinen Ziele durchsetzen um die Katastrophe zumindest einzudämmen? Überleben sie? Sowas. Was darüber hinaus bleibt sind depressiv-machende Bilder und Negativ-Propaganda fürs heutige Russland. Ich bin weder Russin noch hätte ich da den riesigen persönlichen Bezug dazu. Es bedeutet mir relativ wenig, wenn Putin gleich ankündigt, eine Gegendarstellung in Serie beauftragen zu wollen. Ich war nicht da, war da noch nicht mal geboren. Hier stehen einfach nur Aussagen von notorischen Lügnern gegen Aussagen von Leuten, die noch weniger Ahnung haben.

Mein Fazit

Was da, 1986, jetzt wirklich passiert ist, ist letztlich eine Sache, die wir getrennt von der Serie CHERNOBYL als Entertainmentformat betrachten müssen. Und auf Entertainment-Seite erkenne ich die Qualität der schauspielerischen Leistung, der Regiearbeit, der Dramaturgie. Aber ich persönlich wurde einfach nicht so gefesselt wie der Hype-Automat es mir suggerieren wollte.

Für Leute die in groben Zügen wissen wollen, was in Tschernobyl passierte, die sich von Quasi-Historienformaten packen lassen, die ernsthafte, oberflächlich-wissenschaftliche Faktendarstellungen spannend finden: Sicher ne super Serie! Wer jetzt wirklich (aus Entertainment-Sicht!) die BESTE Serie der Welt sucht, dem kann ich nur weiterhin Breaking Bad empfehlen. Meiner Meinung nach wurde die bisher nicht entthront.

8 von 10 Punkte – für trotzdem alles richtig gemacht, aber (für mich!) einfach nicht dem Hype-entsprechend.

Was Beate sagt…

„Atomkraft Nein Danke“

war der Slogan, der mich seit Mitte der 80er Jahre durch meine Jugend bis heute begleitet hat. Ich erinnere mich gut an die Demos, bei denen wir die Insignien mit dieser Aufschrift mit voller Überzeugung auf unseren Parkas trugen. Wir wurden in der breiten Masse belächelt, es gab nicht wenige, die uns zu verstehen gaben: „Was wollt ihr, Atomkraft ist sicher und billig”. Diese damals weit verbreitete Sichtweise änderte sich im April 1986 schlagartig mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Es wurde davon abgeraten, Pilze zu essen – dazu geraten zusätzlich Jod zu sich zu nehmen und plötzlich waren die Geschehnisse, in der als so fern empfundenen Ukraine, ganz nah. Sie brachen in unseren sicher geglaubten Alltag ein, ohne Vorwarnung, ohne echtes  Wissen, wie damit umzugehen ist.

Schlagartig war klar, dass was da im fast 1.800 km entfernten Prypjat geschehen ist, Auswirkungen auf die ganze Welt hat. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur die Möglichkeit sich via Tageszeitungen und Fernsehen über den Vorfall zu informieren und die Informationen waren spärlich und unvollständig.

Der ungefähre Ablauf der Geschehnisse wurde in den darauf folgenden Jahrzehnten bekannt. Auch gab es Bilder von der Zerstörung. Da mich das Thema Atomkraft mein halbes Lebens begleitet hatte, dachte ich, gut informiert zu sein, als ich 2018 vom HBO/SKY Projekt CHERNOBYL erfuhr.

Ich war also erst einmal skeptisch in Bezug auf eine Verfilmung, die nicht als Dokumentation angekündigt war. Zeitgleich überkam mich das gleiche mulmige Gefühl, was ich damals mit 20 hatte: Sofort kamen die alten Bilder der Katastrophe wieder in mir hoch. Zeitgleich erinnerte ich mich an den Zeichentrick-Film “When the Wind Blows”, ebenfalls aus dem Jahr 1986, der am Schicksal eines älteren Paares, die verheerenden Folgen einer Nuklearkatastrophe zeigt.

CHERNOBYL traf mich dann unerwartet mit einer solchen Wucht; ich war nicht im Geringsten auf das Gezeigte vorbereitet. Die Serie zu schauen glich für mich dem Heraufziehen eines schweren Unwetters, bei dem der Himmel alles in Dunkelheit hüllt, der Wind zu brüllen beginnt, die Atmosphäre sich immer weiter verdichtet und die Blitze gefühlt, direkt neben Dir einschlagen.

Auch konnte ich die fünf Folgen nicht in einem Rutsch durchgucken. Ich musste immer wieder inne halten, Abstand nehmen, kurz raus in die Sonne gehen, um das Gesehene zu verarbeiten und runter zu kommen. Was die Serie hervorragend schafft, ist nicht nur das große Ganze zu erzählen, sondern es anhand der Schicksale einzelner Personen im Kleinen, mit viel Gespür fürs Detail, für den Zuschauer erfühlbar zu machen.

Das liegt zum einen an den Schauspielern, die bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt, mit beeindruckend viel Feingefühl und großer Wahrhaftigkeit ans Werk gehen. Zum anderen an der perfekten Dramaturgie, den düsteren Bildern, der perfekten Begleitung durch die Musik der isländischen Künstlerin Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir und dem Wissen: Das hier basiert auf einer wahren Begebenheit!

Und trotz der inhaltlich künstlerischen Freiheiten, die sich die Serie nimmt, wirkt sie an keiner Stelle unecht, glatt oder überhastet. Dabei gelingt es ihr stets, die Fakten der Tragödie im Auge zu behalten und und ein in sich mächtiges, weil stimmiges Gesamtbild zu schaffen.

Mein Fazit

Wer sensibel ist und einfach nur unterhalten werden möchte, ist hier an der falschen Adresse.
Erdrückend realistisches Serien-Ereignis, was gleichermaßen fasziniert, mitreißt, verstört und noch Wochen später eindringlich nachhallt.

Dafür 10/10 Goldblums

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