Buchvorstellung: „Neue Dramaturgien: Zwischen Monomythos, Storyworld und Serienboom“

Das Erzählen für Film und Fernsehen hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Das liegt nicht nur an geänderten Sehgewohnheiten, beispielsweise durch neue Medienformen, sondern ist auch gesellschaftlichen Veränderungen zu verdanken. Das zumindest ist eine der Thesen, die Frau Dr. Eva-Maria Fahmüller, Vorsitzende des Verbandes für Film- und Fernsehdramaturgie e.V. (VeDRA) und Leiterin der renommierten Master School Drehbuch, in ihrem neuen Buch „Neue Dramaturgien: Zwischen Monomythos, Storyworld und Serienboom“ aufstellt.

Ich habe Frau Dr. Fahmüller bei einem der gut besuchten Film- und Fernsehgespräche kürzlich in der Master School besucht. Die Autorin hat darin ihr Buch vorgestellt, die neuesten Entwicklungen in der Film- und Fernsehdramaturgie sowie die Beweggründe für ihr Buch erläutert. Anlass dafür war die der Praxis hinterherhinkende Theorie sowie der in Handbüchern oft fehlende interdisziplinäre Ansatz in Form eines Einbezugs von Filmwissenschaften, Schauspielkunst und Psychologie. Die Autorin möchte mit ihrem Buch „Neue Dramaturgien“ aber nicht das Rad neu erfinden, sondern zu Diskussionen anregen und praktische Überlegungen miteinbeziehen, die für jeden verständlich sind. Auf etwa 150 Seiten gibt Frau Dr. Fahmüller einen Überblick über den Stand der gängigen Handbücher und deckt Leerstellen auf, erklärt aber auch wie sich die gesellschaftlichen Entwicklungen und die „New School“ in den letzten etwa zehn Jahren auf die Dramaturgie ausgewirkt haben.

Old School“ vs. „New School“

Der sogenannte „Monomythos“, der der „Old School“ zugrunde lag und bereits seit Aristoteles Eingang in schriftliche Werke fand, stellte eine Hauptfigur in den Vordergrund und schickt diese in der Zeit durch eine chronologisch aufgestellte Geschichte – es galt ein einheitliches Prinzip für alle Geschichten. Die heutige Vielfalt auf dem Film- und Serienmarkt zeigt jedoch, dass diese Dramaturgie nicht mehr zeitgemäß ist. So erfreuen sich Serien, die ein Ensemble an Figuren in den Fokus rücken, Geschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählen oder in Rückblenden mehr über das Schicksal ihrer Charaktere offenbaren, heute zunehmender Beliebtheit.

Empathie

Der Erfolg vieler Crime- oder Dramaserien und -filme zeigt außerdem, dass sich ein neuer Trend hin zu ambivalenten Figuren entwickelt hat, die es dem Zuschauer mehr als zuvor ermöglichen, Empathie zu zeigen. Eine Veränderung, die Frau Dr. Fahmüller zufolge auch der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet ist. Gerade junge Menschen sehen sich heute mehr denn je Fragen wie „Auf welcher Seite stehe ich?“, „Wo gehöre ich hin?“ oder „Was ist meine Identität?“ ausgesetzt. Doch in der Theorie wird dieses Thema noch sehr stiefmütterlich behandelt, während das Spiel mit der Empathie inzwischen ein wichtiger Bestandteil vieler Filme und Serien ist. So schafft es „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ beispielsweise, dass die Empathie des Zuschauers für die Figuren im Laufe der Handlung wechselt.

Hier ein paar meiner Serienempfehlungen für ambivalente Figuren:

  • Berlin Station
  • Homeland
  • House of Cards

Das Spiel mit Raum und Zeit

Doch während der Fokus vieler, vor allem amerikanischer, Filme und Serien bereits auf den Figuren liegt, wird in Deutschland noch zu wenig Wert auf die Charaktere gelegt. Hierzulande erfreuen sich vor allem Serien und Filme mit historischem Bezug oder Biopics (z.B. „Deutschland 83“, „Charité“, „Babylon Berlin“) großer Beliebtheit – ein weiterer Trend der „New School“.

Generell scheint das Spiel mit Zeit heute ein anderes als noch vor zehn Jahren zu sein. In der Tradition der „Old School“ war die Zeitachse DAS entscheidende Element, anhand dessen der Zuschauer durch die Geschichte geführt wurde, wie Frau Dr. Fahmüller in ihrem Buch ausführt. Das führte zu einem eher passiven Konsum von Film und Fernsehen. In der heutigen Zeit, in der Rückblenden und Zeitsprünge kaum noch wegzudenken sind, beschränkt sich die Rolle des Zuschauers aber nicht mehr nur auf einen passiven Konsum einer Geschichte, er wird durch die Vernetzung verschiedenster Medien und Kanäle zu einem aktiven Rezipienten („transmediale Welten“). So wurde ein ganzes Universum rund um die Jedi-Ritter aus Star Wars gesponnen: Durch Filme, Computerspiele, Apps für die Jedi-Ausbildung oder Comics ist ein ganzes Star Wars-Universum entstanden. Auch Kinderserien wie „Bibi und Tina“ machen sich dies zu eigen und bieten neben den Hörbüchern und Filmen auch Songs, Lernmaterialien und Games an.

Die Zuschauer können so in eine komplett andere Welt eintauchen – meiner Ansicht nach vielleicht eine Erklärung dafür, warum sich erfundene oder historisch aufgearbeitete Welten auch in Historiendramen sowie Mysteryfilmen und -serien so großer Beliebtheit erfreuen. Zwar unterscheiden sich diese Welten meistens deutlich von denen der Zuschauer, geben ihnen aber die Möglichkeit, sich in völlig neue Perspektiven hineinzuversetzen oder ihre identitätsstiftende Funktion zu nutzen. Während Zuschauer Film und Fernsehen früher häufig nutzten, um ihrem Alltag zu entfliehen („Eskapismus“), so scheinen sie heute mehr Wert auf realitätsnahe Darstellungen oder aber komplett fremde Welten (wie beim Genre Mystery) zu legen. Frau Dr. Fahmüller stellt daher in ihrem Buch die Thesen auf, dass der Raum – auch durch die Verbreitung von Transmedia – heute eine Aufwertung erfährt und eine stark lineare Erzählweise – beispielsweise durch die Nutzung von Zeitsprüngen – bei manchen Formaten an Bedeutung verliert. In der Dramaturgie geht der Trend also hin zu einer Herangehensweise, die als „world-driven“ bezeichnet wird.

Doch was kommt danach? Auch wenn sich die Dramaturgie in den letzten zehn Jahren stark gewandelt hat, ist den Film- und Fernsehmachern deutlich anzumerken, dass Innovationen auch immer Risiken, vor allem finanzieller Natur, bergen. Viele Filme und Serien werden deshalb um Fortsetzungen, Vorgeschichten und Reboots erweitert, viele bekannte Elemente werden immer wieder verwendet, sofern sie erfolgversprechend erscheinen, echte Innovationen bleiben aus.

Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für den deutschen Film- und Fernsehmarkt?

Auch in Deutschland wird sich in den nächsten Jahren noch zeigen müssen, ob echte Innovationen möglich sind. Der aktuelle Trend, der sich durch einige TV-Produktionen, die auch international ein gutes Feedback erhalten haben, abzeichnet, gibt Anlass zur Hoffnung. Der hierzulande ausbleibende Erfolg einiger US-amerikanischer Serien (wie „This is us“) zeigt aber auch, dass die Wünsche und Ansprüche der Zuschauer nicht in jedem Land vergleichbar sind. Dennoch gibt es Beispiele, bei denen auch eine figurenzentrierte („character-driven“) Herangehensweise funktionieren kann. So schuf der amerikanische Kabelsender HBO mit „Sopranos“ als erster eine erfolgreiche Serie, bei der eine ambivalente Hauptfigur im Vordergrund stand. Und auch bei aktuellen Serien wie der Netflix-Eigenproduktion „House of Cards“ scheint dies noch zu funktionieren.

Hierzulande gibt es ambivalente, im Fokus stehende Figuren zumeist nur im Rahmen eines Ensembles, beispielsweise bei den soapähnlichen Formaten, aber auch bei der ersten deutschen Netflix-Produktion „Dark“. Dabei können Frau Dr. Fahmüller zufolge alle Arten von Figuren ins Zentrum der Geschichte rücken, bei einer Krimiserie neben den Ermittlern und Tätern beispielsweise die Zeugen sowie Angehörige und Freunde des Opfers. Es geht also um eine multiperspektivische Erzählweise, die sich auch die Serie „The Wire“ in den 00er Jahren zu eigen gemacht hat, indem sie ihre Geschichten und Handlungsstränge rund um das Drogenmilieu in Baltimore spannte, um die unterschiedlichen Seiten zu beleuchten. Das ermöglicht den Zuschauern, verschiedene Charaktere kennenzulernen und auch hier wieder in ihre Welten einzutauchen. Nicht immer enden diese Serien, die sich auch mit der inneren Zerrissenheit ihrer Figuren befassen, positiv, wie die Figur der bipolaren CIA-Analystin Carrie Mathison in „Homeland“ zeigt. Geschichten wie diese sind allerdings insofern für die Zuschauer interessant als dass sie weniger vorhersehbar erscheinen, manche Aspekte oder Handlungsstränge werden zudem erst später aufgelöst oder bleiben dem Zuschauer ganz verborgen, sodass er die Handlung weiterverfolgen muss oder seiner Fantasie freien Lauf lassen kann.

Auch die vermehrte Vermischung verschiedener Genres führt dazu, dass Filme und Serien für die Zuschauer interessant bleiben. Durch die „character-driven“ Herangehensweise erhalten Crime-Serien beispielsweise auch dramatische Elemente, wenn die Ermittler neben ihren Fällen mit persönlichen Problemen oder psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Und auch Drama- oder Zombieserien können durch komödiantische Elemente einen interessanten Kniff erhalten.

Alles in allem wird der Film- und Fernsehmarkt meiner Meinung nach auch in Zukunft interessant bleiben. Es bleibt aber abzuwarten, inwiefern sich deutsche Produktionen in den nächsten Jahren von den amerikanischen Entwicklungen (wie der Fokussierung auf Figuren) beeinflussen lassen und wie sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer weiter entwickeln werden.

Die Trends des seriellen Erzählens im Überblick (sinngemäß nach Frau Dr. Fahmüller)

Für das serielle Erzählen lassen sich Frau Dr. Fahmüller zufolge aber die folgenden Trends erkennen:

1. Durch eine multiperspektivische Erzählweise können alle Arten von Figuren in den Fokus rücken (z.B. Ermittler, Täter, Opfer, Angehörige).

2. Figuren sind ambivalent und können im Laufe der Handlung die Seiten wechseln.

3. Die Emotionen der Figuren rücken in den Fokus, beispielsweise auch ihre psychischen Erkrankungen.

4. Figuren und Hauptfiguren können auch innerhalb eines Handlungsbogens ausgetauscht werden oder sterben.

5. Die Charaktere treiben die Handlungsstränge voran („character-driven“).

6. Figuren werden über mehrere Folgen etabliert.

7. Nicht alle Handlungsstränge werden im Detail erzählt.

8. Handlungsstränge ziehen sich über mehrere Folgen („horizontales Erzählen“).

9. Die Handlungsstränge sind eng verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig.

10. Spezifische Genres, wie z.B. Krimis, werden mit Drama-Elementen gemischt.

11. Besondere filmische Elemente ergänzen oder brechen Stil und Chronologie (z.B. Split Screen, Voice-over, Rückblenden).

12. Gesellschaftlich relevante Themen werden erzählt, nicht verschwiegen, wie vorher beim Eskapismus.

13. Die Inhalte verweisen auf universelle Fragestellungen aus z.B. Ethik, Menschlichkeit, Tod und thematisieren demzufolge auch das Ringen mit der eigenen Identität.

14. Happy Ends werden durch immerwährende Kämpfe des Menschen abgelöst.

Weiterführende Links

Wer sich für Serien und ihre Entwicklungen interessiert, dem kann ich die folgenden Bücher ans Herz legen:

  • Eva-Maria Fahmüller: Neue Dramaturgien: Zwischen Monomythos, Storyworld und Serienboom.
  • Oliver Schütte: Fernsehen ist tot. Es lebe das Geschichtenerzählen. Ausblick auf Film und Fernsehen im Jahr 2020.

Wer mehr über die Themen Stoffentwicklung, die Master School Drehbuch oder die Autorin des Buches erfahren möchte, findet auf den folgenden Seiten interessante Beiträge:

Und zum Schluss noch ein paar meiner persönlichen Serienempfehlungen bzw. Netflix Vorschläge für Ensembles mit ambivalenten Figuren und/oder character-driven Ansätzen

  • Arrow
  • Atypical
  • Berlin Station
  • Homeland
  • House of Cards
  • Riverdale
  • Sense8
  • Suits
  • The Blacklist

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.