Filmkritik – „Molly’s Game“

Meine Filmkritik: Eine Geschichte aus Hollywood

Drehbuchautor Aaron Sorkin, unter anderem für seine Biopics The Social Network und Steve Jobs bekannt, adaptiert für sein Regiedebüt Molly’s Game eine spektakuläre Geschichte mitten aus Hollywood. Sein Skript basiert auf dem gleichnamigen Buch von Molly Bloom, die in Los Angeles private Poker-Events ausrichtete – Tobey Maguire, Leonardo DiCaprio und Ben Affleck saßen an ihrem Spieltisch. Sie geriet aber auch ins Visier der Mafia und der Bundespolizei: 2013 wurde sie vom FBI festgenommen und später wegen illegalen Glücksspiels zu 200 Sozialstunden verurteilt.

Ihre Lebensgeschichte erzählt Filmheldin Molly (fesselnd, vor allem in den elektrisierenden Szenen mit Idris Elba: Jessica Chastain) aus dem Hintergrund, per Voice-over: Nachdem eine Verletzung ihre Karriere als Weltklasse-Skifahrerin verhindert hat, zögert sie ihren Abschluss an einer Elite-Uni hinaus und verdient stattdessen an der Organisation privater Poker-Events. Zunächst in kleinen Clubs, dann in Luxushotels spielen Wirtschaftsbosse, Schauspieler (hervorragend gewählt, vor allem Michael Cera und Bill Camp) und später auch – von ihr angeblich unbemerkt – Mitglieder der russischen Mafia bei ihr um Millionenbeträge. Ihr Geschäftsmodell basiert auf weiten Dekolletés und lukrativen Trinkgeldern; die reichen, mächtigen und spielsüchtigen Männer sind ihr Game. Und so oft ihr das Spiel durch andere Männer aus der Hand genommen wird, so oft steht sie wieder auf und bringt immer neue, immer reichere, immer lukrativere Spieler an ihre Tische – bis sie beginnt, Provision zu nehmen und in das Visier des FBI gerät. Nun braucht sie einen Anwalt (Idris Elba) und von dieser Zeit aus wird die Geschichte rückblickend aufgerollt.

Im Zusammenspiel mit Idris Elba (als Anwalt Charlie Jaffey, links) und Michael Cera (als unheimlicher Spieler X, rechts) entfaltet das Spiel von Jessica Chastain alias Molly Bloom die größte Sogwirkung.

Brillante Dialoge im Schnellfeuer-Modus

Die Einführung des Anwalts Charlie Jaffey ist ein raffinierter Kniff des Skriptwriters und Regisseurs Sorkin: Er bezweifelt nämlich Mollys Version der Geschichte; was im Voice-over erzählt wird, stellen die glänzenden Dialoge der beiden Hauptdarsteller wieder infrage. Charlie Jaffey personifiziert die Skepsis, die der Drehbuchautor Sorkin seiner Vorlage, der Autobiographie Molly Blooms, entgegenbringt, ohne dass diese tiefgreifend verändert werden müsste. Eine unklare Sachlage also, komplexe Zeitsprünge und der rasende Schlagabtausch zwischen Molly und Jaffey bewirken, dass der Film trotz simpler Handlung über zwei Stunden zwanzig Minuten Laufzeit durchgehend unterhaltsam bleibt.

Der Figurenkosmos nämlich stellt eine Variation dessen dar, was man von Drehbuchautor Sorkin seit seinem Debüt „Eine Frage der Ehre“ kennt: Smarte, gebildete und zungenfertige Overachiever treffen da aufeinander, und die Originalversion ist, gerade was diesen Film betrifft, ebenso ein Muss wie eine Herausforderung. Spritzige und schnell geschnittene Dialoge, optisch aufwendig inszenierte (und spieltechnisch realistische) Pokerszenen und nur ganz wenig Familienkitsch (mit Kevin Costner als Mollys Vater) machen die Klatschpressen-Story zu einem sehenswerten Regiedebüt.

Einsame Frau in einer Männerwelt: Molly’s Game und die Sexismus-Debatte

Dass die Selbstbehauptung einer Frau in der Männerdomäne Poker nicht ohne Bezüge zu aktuellen Debatten auskommen kann, liegt auf der Hand. Schlagzeilen machte die Buchvorlage vor aufgrund einer Szene mit Tobey Maguire: Während eines Turniers soll er (die echte) Molly Bloom aufgefordert haben, für 1.000 Dollar auf den Tisch zu steigen und „wie ein Seehund zu bellen“ (sie weigerte sich). Zwar, so Sorkin, sind die Schauspieler-Figuren im Film nicht mit den Schauspielern in Blooms Buch identifizierbar (auch wenn Michael Ceras Figur der Darstellung Maguires ähnelt). Doch auch die Molly Bloom des Films setzt sich permanent, mit einer Mischung aus Passivität und Raffinesse, provokanter Mode und intellektueller Überlegenheit gegen die physische und psychische Aggression der Männerwelt, in der sie lebt, zur Wehr.

Das Drehbuch ist klug genug, zumeist (auch hierin ist die Szene mit Costner als Vater die unglückliche Ausnahme) durch erzählerische Uneindeutigkeit und Perspektivenwechsel darauf zu verzichten, die jeweiligen Motivationen psychologisch klären und bewerten zu wollen. Zwar will Molly’s Game in erster Linie Unterhaltung sein, was auch über weite Strecken hervorragend gelingt; man kann Sorkins ersten Film mit weiblicher Hauptrolle aber auch als stillen, sehenswerten Kommentar zur Sexismus-Debatte sehen, die Hollywood derzeit erschüttert.

Fazit: Unterhaltsam, nur selten langatmig, gute Darsteller (vor allem Chastain und Elba in den Hauptrollen, Cera und Camp in den Nebenrollen), etwas überdrehte, aber feurige Dialoge.

Daher 7 von 10 Punkten

Kinostart ist der 8. März 2018.

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