Sonic the Hedgehog

Review: SONIC THE HEDGEHOG – Stolpern statt rennen

Von Gregor Wildermann

Heute startet der Kinofilm zu SONIC THE HEDGEHOG deutschlandweit in den Kinos. Ob sich der Gang in die Kinos lohnt? Insbesondere mit den Kids und nicht nur der Nostalgie wegen? Gregor war schon drin und berichtet!

Wenn Eltern sich zusammen mit ihrem Kind einen Film anschauen, geht es vielen Erwachsenen nicht nur um zwei Stunden Ablenkung. Sie treffen im Vorfeld eine Entscheidung, ob der Inhalt zu ihrem Kind passt und wollen auch wissen, welche Geschichte erzählt wird. Da mag es dann nicht verwundern, warum es so viele Fortsetzungen bei Animations- und Kinderfilmen gibt.

Der Marktwert einer Firma wie z.B. Disney richtet sich deswegen nicht nur am Erfolg ihrer Filme aus,
sondern auch an ihrer Verlässlichkeit und Integrität, die mit jedem weiteren Franchise weiter gefestigt wird. Und jede Filmfigur bietet natürlich auch noch je nach Zielgruppe sein ganz bestimmtes Potential für Merchandising und Kooperationen, die vom Kindermenü im Schnellrestaurant bis zur Achterbahn im Freizeitpark reichen.

Startschwierigkeiten

Wer all dies im Hinterkopf hat, dürfte erahnen, was sich die Produzenten von „Sonic the Hedgehog“ vor Projektstart bei dieser Filmumsetzung gedacht und erhofft haben. Eine seit drei Jahrzehnten erfolgreiche Videospielfigur? Check. Eine potentielle Zielgruppe von 6 bis 66? Check. Mit Jim Carrey einer der besten Comedians als Headliner? Check. Wie weit Wunsch und Wirklichkeit dabei im fertigen Film auseinanderliegen würden, deutete sich leider jedoch schon in der Entwicklungszeit an.

Eine Zeit lang war nicht mal klar, ob Segas eigenes Studio am Film arbeitet oder ob Produzent Tim Miller, Regisseur von DEADPOOL, sein eigenes Animationsstudio Blur mit der Arbeit beauftragen würde. Ein Studiowechsel von Sony zu Paramount, diverse Drehbuchschreiber, Nachdrehs und eine spektakuläre Überarbeitung vom Design der Hauptfigur nach dem ersten Trailer. Noch vor dem Skandal von „Cats“ ließ das Internet via einem gehörigen Shitstorm die Entwickler wissen, das ohne ein Redesign der Boykott drohen würde.

Von Sonics Wurzeln

Sonics Wurzeln hätten wahrlich eine gute filmische Würdigung verdient gehabt. Der erste Titel erschien 1991 auf der Mega Drive-Konsole der japanischen Firma Sega und sollte Mario von Konkurrent Nintendo die Stirn bieten. Zuerst nannte sein Erfinder Naoto Ohshima die Figur noch

Mr. Needlemouse und Michael Jackson war für Sonics übergroßen Schuhe die Inspiration. Das in
sechs Zonen unterteilte Spiel etablierte im Genre des „Jump & Run“ durch sein ultrarasantes Tempo eine Zeitenwende.

Auch die Mechanik der goldenen Ringe, die man während des Laufs aufsammelt und bei Kontakt mit Gegnern als eine Art Schutzschild dienen, hat selbst bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Am jeweiligen Ende jeder Spielzone wurde Sonic mit dem Gegner Dr. Robotnik konfrontiert und so war es nahezu zwingend, das eine Filmumsetzung auch diesen Zwist der beiden Charaktere beinhalten müsste.

Der rote Faden folgt den Ringen jeweils nicht…

Doch gerade bei der Idee zum Drehbuch liegt der größte Schwachpunkt der filmischen Umsetzung. Denn Regisseur Jeff Fowler, bisher verantwortlich für einen längeren Animationsfilm namens „Gopher Broke“ (2004), kann sich nie wirklich entscheiden, was er überhaupt erzählen will. Es beginnt mit der Flucht von Sonic aus seiner Heimatwelt, die ihm durch einen der goldenen Ringe gelingt, da diese nun wie Reiseportale funktionieren.

Ohne konkretes Ziel landet er auf der Erde in einem verschlafenen amerikanischen Ort, realisiert aber dort sehr schnell, das er sich als blauer Igel mit Überschallfähigkeiten kaum zur Inklusion eignet. Auf seinen Streifzügen beobachtet er den Lokalpolizisten Tom Wachowski (James Marsden), der auch einsehen muss, das die Kleinstadt auf Dauer doch zu langweilig ist.

Eines Nachts löst Sonic dann durch eine einen übereifrigen Lauf beim örtlichen Baseballfeld einen landesweiten Stromausfall aus. Er flüchtet sich in die Garage von Tom, der Ihn dann am nächsten Morgen für einen Waschbär hält und mit einer Betäubungspistole außer Gefecht setzt. Was bis dahin noch nachvollziehbar klingt und Vorlage eines guten Buddy-Movie sein könnte, gerät im Lauf der insgesamt 99 Minuten leider völlig aus den Fugen.

Die Armee will die Quelle des Energiestoßes ausfindig machen und engagiert dafür den Wissenschaftler Dr. Robotnik, der von Jim Carrey leider nur als stumpfe Slapstickfigur dargestellt wird. Sonic hat bei der Begegnung in der Garage seinen Beutel mit den restlichen Ringen im geöffneten Portal in Richtung San Francisco verloren. Und weil Tom daran Schuld ist, soll er nun Sonic in die Westküstenstadt fahren. Können Sie noch folgen?

Auf dem Weg gibt es eine selten absurde Schlägerei in einer Rockerkneipe inklusive Matrix-Zeitlupe, eine Verfolgungsjagd mit diversen Gadgets und einen finalen Showdown auf einem Wolkenkratzer. Mit jeder laufenden Filmminute türmen sich mehr Fragen auf: Warum versteckt sich Sonic zuerst,
während es wenige Minuten später keine Rolle mehr spielt? Warum sollten Kinder eine Verkettung
von Szenen mit sinnlosen Gewaltandrohungen anschauen? Wie sollen sie verstehen, was eine
„Bucketlist“ ist?

Kinderfilm oder Nostalgiker-Fest?

Das Filmstudio machte sich nicht mal die Mühe, solche englischen Begriffe im Film durch verständliche deutsche Namen zu ersetzen. Das zeigt sich auch in vermeintlich gut gemeinten Filmszenen. Beispielsweise einer Einstellung in der man die Aufschrift „Evil Lab“ im Sicherungskasten des Labors von Dr. Robotnik sieht. Solche Fehler und eine mehr als zerfahrene Handlung passen einfach nicht zu einer Figur, die im neuen Design durchaus sympathisches Potential gehabt hätte.

Sonics Suche nach einem echten Freund kommt als roter Faden des Films zwar zeitweise durch. Aber warum eine Kneipenschlägerei oder der Sturz von einem Hochhaus als passendes gemeinsames Abenteuer herhalten muss, will sich mir nicht wirklich erschließen. Solche Szenen sind bei einem Kinderpublikum sogar eher grenzwertig und die Altersfreigabe ab sechs Jahren schlichtweg nicht nachvollziehbar.

Fazit

Mit seinem geschätzten Budget von 85 Millionen US-Dollar reiht sich „Sonic the Hedgehog“ dann leider doch in die lange Ahnenreihe der missglückten Videospielverfilmungen nahtlos ein. Sonic ist im ersten Anlauf grob gestolpert. Ob er jemals noch mal sein wirkliches Tempo aufnehmen kann, würde ich trotz eines Cliffhangers am Schluss eindeutig bezweifeln.

2 von 10 Goldringe

Bild: © Paramount Pictures

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