Persischstunden - Alamode Film

1 Film, 2 Meinungen: PERSISCHSTUNDEN (Alamode Film)

Von Beate Geibel und Ricarda Eichler

Alamode Film veröffentlicht den hochspannenden, wendungsreichen Film PERSISCHSTUNDEN von Regisseur Vadim Perelman am 24. September 2020 in den deutschen Kinos. Wenn das böse C nicht wäre, hätte der Film bereits am 7. Mai starten sollen – einen Tag vor dem 8. Mai 2020 – 75 Jahre nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Das Datum steht für die Befreiung vom Nationalsozialismus und für das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Perelmans Film wurde inspiriert von wahren Begebenheiten. Die literarische Vorlage lieferte Wolfgang Kohlhaases Erzählung „Erfindung einer Sprache“.

Zum Inhalt von PERSISCHSTUNDEN

1942. Gilles, ein junger Belgier, wird zusammen mit anderen Juden von der SS verhaftet und in ein Lager nach Deutschland gebracht. Er entgeht der Exekution, indem er schwört, kein Jude, sondern Perser zu sein – eine Lüge, die ihn zunächst rettet. Doch dann wird Gilles mit einer unmöglichen Mission beauftragt: Er soll Farsi unterrichten. Offizier Koch, Leiter der Lagerküche, träumt nämlich davon, nach Kriegsende ein Restaurant im Iran zu eröffnen. Wort für Wort muss Gilles eine Sprache erfinden, die er nicht beherrscht. Als in der besonderen Beziehung zwischen den beiden Männern Eifersucht und Misstrauen aufkommen, wird Gilles schmerzhaft bewusst, dass jeder Fehltritt ihn auffliegen lassen könnte.

Was Beate sagt

Als sich der spätere Drehbuchautor Ilya Sofias um das Projekt bemühte, dachte er anfangs, es handele sich um eine wahre Geschichte. Der Film ging in Produktion, das Drehbuch war bereits geschrieben, als klar wurde, dass diese Geschichte auf der Erzählung “Erfindung einer Sprache” von Wolfgang Kohlhaase basiert. Die Rechte am Buch wurden also nachträglich eingekauft.

Bei all den Geschichten, die seit Ende des 2. Weltkrieges ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind, viele davon so außergewöhnlich, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass das tatsächlich die Realität eines Menschen gewesen ist, hätte die Grundlage dieses Filmes sehr gut in diese Riege gepasst.

Ein jüdischer Gefangener, der vorgibt kein Jude, sondern Perser, zu sein. Dies rettet ihn vor der Erschießung und vermittelt ihn als vermeintlichen Sprachfachmann und Persischlehrer an den Kommandanten des Transitlagers, Koch. Problem an der ganzen Sache: Gilles kann kein Wort persisch und denkt sich Worte, Redewendungen, ganze Sätze, die er dem Kommandanten beibringt, fortan aus. Na angefixt?

Die Stärke des Filmes ergibt sich aus der Kraft und Wahrhaftigkeit der beiden Hauptdarsteller. Lars Eidinger als Lager Kommandant, Klaus Koch und Nahuel Pérez Biscayart als Gefangener Gilles sind beide mit hoher Intensität am Werk. Trotz des Backdrops der grauen, harten Welt des Gefangenenlagers, lebt der Film von seiner Ambivalenz, denn herausgekommen ist eine Mischung aus gleichermaßen qualvoller, menschlicher Tragödie, gepaart mit fast schon absurd anmutender Komik.

Fazit: Sehenswert – 8,5/10 Goldblums

Was Ricarda sagt

PERSISCHSTUNDEN konfrontiert uns alle mit einem Dilemma, dass wir aus dem Sprachunterricht in der Schule kennen: Wissen vortäuschen, welches wir ganz offensichtlich nicht habe. Für „Reza“ (Nahuel Pérez Biscayart), wie der junge Mann sich in seiner neuen Rolle nennt, kann dieses Unwissen aber tödliche Folgen haben. Zu seinem Glück ist er clever. Zu seinem größeren Glück bringt ihm seine Intelligenz eine gute Rolle als Schriftführer des KZ-Registers ein. Anhand dieses Registers entwickelt er ein System um sich das stetig wachsende erfundene Vokabular zu merken.

Doch mit jeder Vokabel, die er erfindet, steigt der Druck. Und für uns die Spannung. Koch (Lars Eidinger) möchte ja auch sprechen. Und er nimmt das Vokabelpauken ernst. Jeder kleine Fehler könnte das Aus bedeuten. Und so ein kleiner fuck-up passiert auch als Reza plötzlich eine Vokabel neu belegt.

Sprachen folgen einer eigenen Logik, und jeder kennt eins dieser sogenannten Homonyme. „Bank“ – Geldinstitut oder Sitzgelegenheit? Aber kann man dies einem Mann erklären, der dich verachtet und nur als Mittel zum Zweck ansieht? Doch auch in Koch kann man im Film einen deutlichen Wandel sehen. Sieht er erst alle Insassen als minderwertiges Pack an, so lehrt ihn die Bekanntschaft mit „Reza“ doch auch ansatzweise zu differenzieren.

PERSISCHSTUNDEN ist ein spannender aber dennoch ruhiger Film. In unaufgeregter Erzählweise und dennoch beklemmenden Bildern wird die wachsende Anspannung deutlich gemacht. Bis auf das gänzliche Fehlen von grammatikalischen Aspekten, empfinde ich den Film auch linguistisch als schlüssig. Aber da kann man wohl annehmen das beide Protagonisten einen annähernd gleichen Kenntnisstand von Linguistik besitzen (nämlich gering) und daher das Thema Grammatik nicht weiter hinterfragen.

Ich gebe PERSISCHSTUNDEN 8 von 10 Punkten!

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