Filmkritik zu DAS PIANO – in 4K restauriert

Darum geht’s in DAS PIANO

Mitte des 19. Jahrhunderts: Die stumme Ada (Holly Hunter) wird mit ihrer kleinen Tochter am Strand von Neuseeland abgesetzt um eine arrangierte Ehe mit einem ihr völlig fremden Mann (Sam Neill) einzugehen. Ada ist scheu und verschlossen – der wichtigste Gegenstand in ihrem Leben ist ein Piano, das sie aus Europa mitgebracht hat.

Doch ihr Gatte Stewart verkauft das Instrument an den Nachbarn Baines (Harvey Keitel). Baines macht Ada daraufhin ein Angebot: Gegen gewisse körperliche Zuwendungen kann sie das Piano Stück für Stück zurück erwerben…

Zum Trailer hier lang… 

Meine Filmreview

Es ist schon sehr viele Jahre her, dass ich DAS PIANO gesehen habe. Im Jahr 1993 kam dieses gefeierte Meisterwerk von Regisseurin Jane Campion in die Kinos. Die Geschichte der stummen Ada begeisterte damals Publikum und Kritik weltweit und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Goldenen Palme in Cannes und 3 Oscars® für das Beste Originaldrehbuch sowie die Darstellerinnen Holly Hunter und die junge Anna Paquin.

Nach knapp drei Jahrzehnten diesen Film erneut zu sehen, ist fast eine komplette Neuerfahrung. Das geht mir oft auch mit Serien oder Büchern so, die ich als junge Frau geliebt habe. Was mir damals wie ein romantischer Film vorkam, sehe ich heute aus einer anderen Perspektive. Heute verstehe ich erst, wie Ada von der Männerwelt instrumentalisiert, verkauft, verraten wird. In ihrer Welt wollen die Männer sie herrschen und besitzen.

Bereits ihr Vater entscheidet über ihre Zukunft: Er verheiratet sie mit einem neuseeländischen Siedler. Ada soll Schottland mit ihrem Kind Flora verlassen, um in den Besitz eines Mannes zu gelangen, den sie nicht kennt. In den 1850er Jahren gab es wohl nur wenige akzeptable Alternativen für eine unverheiratete Mutter – insbesondere für eine Frau, die seit ihrem sechsten Lebensjahr stumm ist. 

Adas Klavier, das einst ihrer Mutter gehörte, soll sie auf ihrer Reise begleiten. Sie hängt genauso leidenschaftlich an dem Klavier wie an Flora; zusammen mit ihrem silbernen Notizblock sind sie ihr Ausdrucksmittel. Einziges Problem: Ihr neuer Ehemann weigert sich, Adas Klavier zu seinem Haus zu bringen. Stewart reist mit einer Maori-Crew und Baines (Keitel) – einem alten Seemann, der so „einheimisch“ geworden ist, dass er selbst die typischen Gesichtstätowierungen machen lassen hat.

Am Ende ist es ER, der sie und das Piano wieder zusammenbringt. Ohne Adas Wissen tauscht Baines mit Stewart: achtzig Hektar Land für das Klavier. Damit macht er mit der patriarchalischen Behandlung weiter, die Ada bereits von ihrem Vater kennt. Es wird noch schlimmer als Baines versucht das Klavier gegen sexuelle Gefälligkeiten einzutauschen: so viele Tasten für so viele Besuche. Doch seine Versuche scheitern, Ada dazu zu bringen, sich für ihn zu interessieren. Baines erkennt, dass seine Handlungen sie beide herabsetzen. Ihr Arrangement, so sagt er ihr, „macht dich zu einer Hure und mich zu einem Elenden“. Er gibt Ada das Klavier zurück, ohne die Rückgabe des Grundstücks zu verlangen.

Adas sexuelles und romantisches Interesse für Baines erwacht erst nachdem er der patriarchalischen Autorität entsagt hat, die es ihm ermöglichte, sie sexuell zu nötigen. Und mit diesem neuen Verlangen kommt auch Adas Stärke, sich gegen alle zu wehren. Über den Rest der Geschichte will ich inhaltlich nicht mehr viel erzählen. Viel mehr will ich Euch animieren, Euch den Film anzusehen. Vielleicht könnt Ihr ihn sogar bei uns gewinnen… 

Fazit: Ein bildliches Meisterwerk

Ich kann den Film nicht mehr mit dieser blauäugigen Verklärtheit wie damals sehen. Heute kann ich die Handlungen aller Figuren abstrahieren und ja, sogar verurteilen.

Was außer Frage steht, ist, dass der Film DAS PIANO mit der Kraft seiner Bilder punktet. Die Kamera verbindet die Figuren mit ihrer Umgebung, indem sie sich auf Finger, Augen, Haut, Texturen, Holz, Stoff und Farn konzentriert und dann den Blick auf die großen Wälder weitet. Trübe Farben wie braun, blau, grün, gelbbraun sorgen für eine fast klaustrophobische Spannung. Gekoppelt mit der starken schauspielerischen Leistung, lässt mich auch fast 30 Jahre später sagen: Der Film ist für Cineasten ein MUSS!

Daher: 10 von 10 Punkte!

 

DAS PIANO 

ab 11. August auf 4K UHD, Blu-ray und DVD sowie Digital /

In 4K restauriert und samt umfangreichem Bonusmaterial

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