Lese-Tipp: Liv Strömquist – IM SPIEGELSAAL

Im Oktober diesen Jahres erschien Liv Strömquists aktuelle Graphic Novel IM SPIEGELSAAL im Avant Verlag. Der Name Liv Strömquist ist mir schon hundert Mal begegnet. Und trotzdem ist dies eine Premiere – mein erster Strömquist! Und ich muss sagen, wer bisher nicht genau wusste, wo Comic aufhört und wo Graphic Novel anfängt, findet hier auf jeden Fall ein Paradebeispiel für letzteres. Das Buch ist definitiv eher Sachbuch und widmet sich in 5 Essays dem Thema Schönheit im digitalen Zeitalter.

Im Spigelsaal

Zum Inhalt von IM SPIEGELSAAL

Bereits 2003 schrieb die Philosophin Susan Bordo, dass wir in einem „Imperium der Bilder“ leben. In den letzten Jahren wurde diese Theorie mehr und mehr zur Realität: Eine iPhone-Kamera in jeder Hand, und dank der weit verbreiteten Social-Media-Nutzung ertrinken wir in einer Flut der Bilder. Wir kommunizieren durch Bilder, wir verabreden uns mittels Bildern, wir berichten aus unserem Leben mit Bildern und wir erfahren über das Leben anderer durch Bilder.

Wie hat sich unser Schönheitsempfinden dadurch verändert? Diese Frage wird in fünf Essays, die sich dem Thema jeweils aus einer anderen Perspektive nähern, untersucht. Die Schwedin Liv Strömquist ist ein Phänomen. Ihre augenzwinkernden, minutiös recherchierten Sachcomics gehören zu den meist verkauften Graphic Novels weltweit.

Spiegel nähren eine Seelenkrankheit

Strömquist zitiert den Theologen L. Beyerlinck der bereits im 17. Jahrhundert geschrieben haben soll „Spiegel nähren eine Seelenkrankheit“. Wer das bisher noch nicht gefühlt hat, dem könnte beim Lesen der Graphic Novel ein Licht aufgehen. Denn die Essays befassen sich mit verschiedenen Aspekten der modernen Eitelkeit.

Heutzutage insbesondere durch soziale Medien genährt, gab es diesen sozialen Druck letzten Endes bereits seit dem Gemälde aufkamen. So beschäftigt sich der fünfte Essay „Tyrannisches Bild“ beispielsweise mit der Kaiserin Sissi. Diese erreichte den Höhepunkt ihrer Schönheit mit 27. Festgehalten wurde dieser Höhepunkt, insbesondere durch drei Gemälde des Künstlers Franz Winterhalter. Diese Gemälde gingen durch die Welt und trugen die Kunde von ihrer Schönheit mit sich. Einer Schönheit, der Sissi fortan jeden Tag gerecht werden musste.

Und so unterzog sie sich rigorosen Diäten, Sportprogrammen und mied dennoch immer öfter die Öffentlichkeit, denn das Volk erwartete exakt die Schönheit der Gemälde zu sehen. Heute sind Sissis Bilder überall und wir alle machen sie freiwillig von uns und posten sie auf Instagram und Co.

Von Philosophen und Kylie Jenner

Wie viele philosophische Essays über Kylie Jenner habt ihr bisher gelesen? IM SPIEGELSAAL bietet zumindest einen. Im Kaptitel „Mädchen am Spiegel“ ergründet Strömquist mit Hilfe von René Girards mimetischer Theorie, warum sich so viele Menschen gerne den jüngsten Sprössling des Kardashian-Jenner-Clans anschauen.

Der Mensch begehrt, was andere Menschen begehren. (René Girard)

Seit dem Wegfall gesellschaftlicher Restriktionen, die uns vorgaben, wie wir zu sein haben, haben wir die Freiheit zu sein, wie wir wollen – doch das führt zu dem Problem, dass wir hierfür wissen müssten, was wir wollen. Da das einfach unfassbar anstrengend ist, ist es einfacher Vorbilder zu finden. Dieses von Girard als mimetisches Begehren bezeichnete Verhalten kann jedoch auch schnell in Rivalität umschlagen und plop gibts einen netten Teufelskreis on top.

Was Strömquist da schreibt, sind jetzt de facto keine neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Weder diese Ergründung von Rivalitätsverhalten noch ihre Ausführungen darüber, welche Auswirkungen Schönheit auf die Aussichten einer Frau im Verlauf der Jahrhunderte hatte, oder warum es Frauen einen Großteil der Zeitrechnung vergönnt war, sich ihrer eigenen Schönheit bewusst zu sein, da die patriarchalische Gesellschaft ihr diesen Wert lieber selbst zusprach (oder eben auch nicht), oder gar, warum es vollkommen normal war, dass Schneewittchens (Stief-)Mutter ihren körperlichen Verfall nun mal nicht unbedingt feierte.

Mein Fazit

Du möchtest all diese Themen mal genauer ergründet haben und darüber nachdenken, was du eigentlich für ne geile Granate bist, ohne dich dafür vor irgendwem rechtfertigen zu müssen? Aber Philosophie-Bücher sind leider so verdammt trocken. Hold my teacup! Denn dann ist IM SPIEGELSAAL genau das richtige für dich. Denn effektiv handelt es sich um sozialkritische Philosophie in mundgerechten Stücken. Perfekt verpasst für die heutige Gesellschaft, die, wie Strömquist weiß, mal in erster Linie über Bilder kommuniziert.

Strömquists Zeichenstil ist dabei simpel gehalten und in erster Linie Beiwerk zur Illustration. Die Zeichnungen und Herangehensweise regen zum Schmunzeln an und verwenden einfache und moderne Sprache. Sie lässt die Philosophen buchstäblich selbst zu Wort kommen und präsentiert uns ihre Sicht auf unsere moderne Eitelkeit – gut recherchiert, kritisch, sexpositiv, feministisch, empowering.

Mein erster, aber definitiv nicht mein letzter Strömquist!

10 von 10 Punkten!

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