„ALIEN: COVENANT“: EINMAL WAGNER, IMMER WAGNER (REVIEW)

ALIEN: COVENANT – Ab 18. Mai 2017 nur im Kino

Von Hanns Christian Schmidt

Das Kolonisierungsraumschiff Covenant befindet sich auf dem Weg zu einem weit entfernten Planeten, um dort der Menschheit ein neues Zuhause zu erschaffen. Nachdem eine Explosion die Besatzung aus dem Kälteschlaf gerissen hat, empfängt der Pilot Tennessee (Danny McBride) während der Reparaturarbeiten ein Signal, das menschlichen Ursprungs zu sein scheint. Da es noch dazu von einem Planeten stammt, der viel bessere Ausgangsbedingungen zur Kolonisation aufweist als das ursprüngliche Ziel, wird der Kurs kurzerhand geändert. Und wir ahnen bereits, dass das nicht die klügste Idee war.

Denn wir kennen das ja schon: Eine Gruppe ahnungsloser Raumfahrer auf einer zum Scheitern verurteilten Mission, kühl berechnende und undurchschaubare Androiden, die eigentlich lieber „synthetische Personen“ genannt werden wollen, und zu guter Letzt die blutrünstigen und penisköpfigen Aliens, die sich auf besonders unappetitliche Weise fortpflanzen und so manch einem Kinozuschauer in den letzten 35 Jahren das Fürchten gelehrt haben. Wir haben das alles schon mal gesehen. Und dann wiederum überhaupt nicht.

Die Marke Alien steht in vielerlei Hinsicht für ein Ausnahme-Franchise. Lange bevor Marvel das Prinzip der Cinematic Universes salonfähig gemacht hat, übernahm die Filmreihe eine Vorreiter-Rolle in Sachen Worldbuilding in Serie. Die Besonderheit: Statt auf bewährte Genreformeln und gleichbleibende Figuren zu setzen, heuerte das Produktionsstudio Fox für jeden Teil einen anderen Regisseur an, der immer auch eine ganz eigene Vision für die Protagonistin Ellen Ripley und ihre Erzählwelt mitbrachte. Während Ridley Scott 1979 mit dem ersten Teil einen Slasher-Film im Weltall inszenierte – ein „old dark house in space“, in dessen oktagonalen, labyrinthischen Gängen ein außerirdischer Killer die Crew nach und nach dezimiert, da ist James Camerons Fortsetzung Aliens (1986) nicht nur ein spektakulärer militärischer Sci-Fi-Actionfilm, sondern für die Protagonistin auch die reinste Therapiesitzung. Sowohl auf Handlungs- als auch auf Figurenebene ist jedes bedeutungsvolle Element in bombastische Ausmaße skaliert – und Ripley bekommt nach erneuter und überstandener Konfrontation mit ihren Ängsten sogar eine Ersatz-Familie geschenkt. Klar, dass der damals junge und ambitionierte Regie-Debütant David Fincher nicht der Verlockung widerstehen konnte, die optimistische Ausgangslage des zweiten Teils in seinem eigenen Film in ein umso bittereres und nihilistischeres Szenario in Alien³ (1992) zu überführen. Der nächste Regisseur im Bunde, Jean-Pierre Jeunet, drehte daraufhin mit „Alien: Resurrection“ (1997) eigentlich nur folgerichtig eine vom blanken Wahnwitz gezeichnete Groteske, die strukturell mehr mit seinem dystopischen Film „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1997) als mit den Vorgängerfilmen zu tun hat (was den Film übrigens qualitativ nicht unbedingt aufwertet). Und zu guter Letzt ist da Ridley Scotts Prometheus (2012) rund 30 Jahre später, der trotz seiner visuellen Opulenz und atmosphärischen Dichte für einen Großteil des Publikums eine Enttäuschung war. Das Prequel ganz am Anfang der Alien-Timeline hinterließ bei vielen Fans und Kritikern eher den Eindruck, ein Vehikel für Ridley Scotts Vorliebe für Erich von Dänikens UFO-Kreationismus zu sein, anstatt einen befriedigenden Teil zur Geschichte der Alien-Saga zu leisten. Zu viele offene Fragen, zu viele Plotlöcher, und vor allem zu viele Figuren, die sich nur allzu oft völlig unglaubwürdig verhalten – so lauteten die berichtigten Kritikpunkte an diesem Film.

Wie fügt sich nun „Alien: Covenant“, Ridley Scotts mittlerweile dritte Regiearbeit innerhalb der Serie, in diesen doch recht heterogenen Werkkörper ein? Ebenso wie der sich zu Höherem berufene Android David (Michael Fassbender) in diesem Film seinen „kreativen“ Experimenten in seiner faustischen Hexenküche nachgeht, werden auch hier bereits bekannte formale und inhaltliche Elemente neu miteinander vermischt und rekombiniert. Dabei ist zunächst einmal bemerkenswert, dass der Film viele der Ideen, die „Prometheus“ seinen philosophischen Anstrich gaben, beibehält. Wo die ersten Alien-Filme in ihrem Kern den Horror von monströs-gewaltsamer Sexualität und ungewollter Schwangerschaft verhandelten, da lagerte Scott für „Prometheus“ dieses Leitmotiv ein wenig um: Obwohl auch hier wieder Forschungsreisende ungewollt von außerirdischen Parasiten als Wirtskörper missbraucht werden, geht es viel eher um die Schöpfung an sich; um die Frage, was künstliches und biologisches Leben voneinander unterscheidet und welcher Preis für das Wissen und die Macht darüber gezahlt werden muss. In diesem Sinne ist Covenant nicht nur ganz und gar ein Sequel von Prometheus, sondern begibt sich in eine lange Reihe von künstlerischen Auseinandersetzungen, die diese grundlegende Frage zum Gegenstand haben. Covenant ist sich diesem Erbe durchaus bewusst und macht keinen Hehl daraus. Ob man an den zahlreichen religiösen und kulturellen Referenzen Gefallen findet oder nicht, ist jedoch Geschmackssache – so ist doch auffällig, dass sie nie subtil oder gar elegant in den Stoff eingewoben, sondern regelrecht mit dem Holzhammer eingearbeitet werden. Damit verkommen die Zitate und Verweise zur bloßen Staffage: Getreu dem Motto „einmal Wagner, immer Wagner“ ist David eine stupend belesene Referenzmaschine, welche zwar alle Stücke des abendländischen Kulturschatzes in- und auswendig kennt, aber sie mit dem intellektuellen Nährwert einer Tiefkühlpizza serviert.

Ohne Zuviel von der Handlung verraten zu wollen, muss sich der Film neben aller Kritik an seiner Plumpheit außerdem die Frage gefallen lassen, ob die Arbeit am Alien-Mythos, die hier betrieben wird, wirklich nötig gewesen wäre. Eine zentrale Frage wird hier – anders als in „Prometheus“ – nämlich auf jeden Fall beantwortet. Und da vor allem der erste Teil seine Faszination aus dem Unbekannten, dem Fremdartigen und Ambivalenten bezieht, mag die Schließung einer entscheidenden Leerstelle gerade für eingefleischte Fans doch recht schmerzlich sein.

Für alle, die diesem Thema in „Prometheus“ nicht allzu viel abgewinnen konnten, kommt es nun aber gerade recht, dass sich Scott auch noch auf einen anderen Aspekt der Filmreihe konzentriert und sich damit interessanterweise eher auf James Camerons Beitrag zum Franchise bezieht. Denn auch hier gibt es nicht nur Ähnlichkeiten zum Plot, sondern vor allem einiges an handwerklich hervorragend gemachtem und spannendem Spektakel, das in verlässlicher Alien-Manier auf reichlich „shock and awe“ setzt. Gute Casting-Entscheidungen helfen dem Film dabei ungemein und sorgen durch sympathische Figuren für die nötige Dramatik. Während die Protagonistin Daniels (Katherine Waterston) als pragmatische Stimme der Vernunft Ellen Ripley in vielerlei Hinsicht ähnelt und mit ihrem an Autoritätsproblemen leidenden Captain Oram (Billy Cudrup) Aneinander gerät, da sorgt Comedy-Schauspieler Danny McBride als Captain Tennessee als Impulsmensch mit Herz am rechten Fleck für die nötige Balance. Insgesamt stiehlt Michael Fassbender hier wie zu erwarten die Show, der das Androidendoppel Walter/David überzeugend als Konflikt zwischen guten und bösen Zwillingsbruder darstellt. Das heißt jedoch nicht unbedingt, dass wir mit den Figuren in dem Maße mitfiebern, wie es bei Camerons herausragendem Aliens der Fall war – allerdings versprüht der Film an vielen Stellen den Charme eines B-Movies, ist mitunter spannend und macht Spaß. Der ein- oder andere Kinogänger mag damit auch einige der logischen Ungereimtheiten verzeihen können, die sich auch hier wieder eingeschlichen haben.

Alles in allem ist „Alien: Covenant“ damit keineswegs ein Film, der es mit den ersten beiden Teilen der Reihe aufnehmen und sogar in mancherlei Hinsicht enttäuschen kann. Er bietet jedoch gerade für Fans zahlreiche sehenswerte Momente und ergänzt die Alien-Saga um einige Aspekte, die zumindest diskussionswürdig sind.

Fazit: 7/10 Punkten

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