Late Review: JE SUIS KARL (2021)

Letzten Samstag war ich mit meinen besten Freundinnen im Kino und habe mir JE SUIS KARL angeschaut. Am Wahlsonntag dann das ungute Gefühl: im Film steckte so viel Wahrheit. Und das ist erschreckend zu sehen. Aber beginnen wir am Anfang. (Achtung Spoiler!) 

Darum geht’s in JE SUIS KARL: 

Maxi (Luna Wedler) überlebt mit ihrem Vater gemeinsam ein Bombenattentat mitten im Wohnblock in Berlin. In Trauer und Wut lernt sie den charismatischen Karl (Jannis Niewöhner) kennen und besucht mit ihm gemeinsam eine Sommerakadamie der Bewegung Re/Generation, deren Führungsmitglied Karl ist. In der Gruppe findet Maxi vermeintlich Antworten auf ihre brennenden Fragen zur Ungerechtigkeit und dem Tod ihrer Mutter und ihren Brüdern. Dabei rutscht sie immer weiter in eine extremistische Szene ab..

Charismatische Typen & rechtsradikales Gedankengut

Ich war wirklich so gespannt auf diesen Film, weil er schon im Trailer spannend aussah. Und ich muss sagen, hier wurde ich nicht enttäuscht. Rechtsextremismus wird häufig in Filmen thematisiert, aber JE SUIS KARL zeigt deutlich, dass die Klischees und Stereotypen sich verändern und nicht mehr gelten. Karl stellt den Anführer der Re/Generation Gruppe dar. Er ist ein charismatischer Typ. Einfühlsam, verständnisvoll und wortgewandt. Gerade zu Beginn des Films als das Setting in der Sommerakademie stattfindet, wird zwar schon suggeriert, dass hier rechtes Gedankengut vermittelt werden soll, aber es ist so verpackt, dass es zu Beginn nicht auffällt. Frauen singen über die Töchter Europas, die zusammenhalten. Frauenrechte, Klimawandel, Gleichberechtigung – alles Themen auf der Konferenz. Als dann rechte Parolen gerufen werden, werden diese sofort unterbunden. Allerdings aus den falschen Gründen. Nicht etwa, weil es rechte Parolen sind sondern viel mehr, weil diese der Vergangenheit angehören und jetzt eine neue Generation am Zug ist. Diese ist aber nicht weniger rechts oder radikal. Sie verpacken es nur gut. Auch Maxi lässt sich einlullen von den Vorträgen, der Atmosphäre und Karl. Ihre Entwicklung und die Veränderung ihrer Sichtweise ist zu jederzeit absolut nachvollziehbar und nicht übertrieben.

Maxi lässt sich immer weiter beeinflussen, bis sie selbst auf der Bühne neben Karl eine Brandrede darüber hält, dass Flüchtlinge und Ausländer indirekt Schuld am Tod ihrer Mutter und ihren Brüdern sind. Mit ihrer Rede unterstützt sie eine französische Politikerin, die ebenfalls weit rechts angesiedelt ist und für die Todesstrafe ist. Dieses Referendum um die Todesstrafe ist ein tragender Pfeiler in der gesamten Storyline und wird am Ende des Films schockierender Weise von der Mehrheit in Frankreich befürwortet.

Yusuf, jetzt Adam

Eine wichtige und tolle Figur im Film ist Yusuf. Yusuf wird von Maxis Eltern zwei Jahre vor dem Attentat, welches später auf das Konto von Re/Generation und nicht auf das der Islamisten geht, nach Deutschland geholt. Nach dem Attentat besucht Yusuf, der sich jetzt Adam nennt, Maxis Vater, um ihm beizustehen. Gemeinsam suchen sie Maxi in Frankreich und Yusuf erlebt eine traumatische Nacht in Strasbourg.

Durch Yusuf wird genau das Bild zerstört, was Re/Generation zu zeichnen versucht. Yusuf ist am Ende des Films die einzige Vertrauensperson, die Maxi noch hat, obwohl sie bei Re/Generation dachte, genau das gefunden zu haben.

Rechts, Links, Faschist? 

Karl fragt in einer Szene Maxi in etwa: „Ich habe eine eigene Meinung. Rechts und Links gibt es für mich nicht mehr. Bin ich jetzt ein Faschist?“ Maxi antwortet nicht darauf. Als Zuschauer weiß man ganz klar, dass Karl ausländerfeindlich ist. Das Wort rechtsradikal fällt zwar nicht im Film, trotzdem sind die Zeichen ganz deutlich.

Und das war so erschreckend für mich, als ich am Wahlsonntag die Stimmen für die AFD gesehen habe. Und auch die Karte mit der Stimmenverteilung. Ein gewisser Anteil in unserem Land vertraut auf eine rechte Partei, die für mich ganz klar die falschen Ziele vertritt. Nicht nur die AFD, auch die Querdenker rücken immer mehr in den rechten Bereich. Alternative Fakten, alternative Medien und Verschwörungstheorien an jeder Ecke. Wie kommt es, dass so viele Menschen von diesen Gedanken überzeugt werden? Wahrscheinlich ebenso schleichend, wie bei Maxi.

Musik als Leitmotiv

Auffällig fand ich, dass der Film extrem viel mit Musik gemacht hat. Die rechten Motive wurden verpackt in traurige Singer-Songwriter Melodien oder aggressiven Rap. Vor allem ein Tack aus dem Club ist mir nachhaltig im Kopf geblieben, „‚Á la guerre“, was so viel heißt wie „In den Krieg ziehen“. Die Szene war bizarr, denn im Song geht es um Ausländerfeindlichkeit, den Aufruf zu den Waffen zu greifen und allerhand rechte Aussagen. Trotz dieser schlimmen Worte, haben Maxi und Karl getanzt und mit gegrölt, sich einfach mitreißen lassen. Musik ist ein gern genutztes Medium für die Verbreitung von rechtem Gedankengut, was JE SUIS KARL perfekt dargestellt hat.

Definitiv zukünftiges Pflichtprogramm an Schulen

Ich finde JE SUIS KARL sollte an jeder Schule Pflichtprogramm werden. Ähnlich wie Die Welle vermittelt der Film, dass das Vertrauen in die falschen Leute und die falschen Ansichten fatale Auswirkungen haben kann. Denn das Ende von JE SUIS KARL ist dramatisch und ebenso erschreckend. 

Am Ende lässt sich Karl, um auch die letzten Zweifler auf die Seite von Re/Generation zu ziehen, von seinen eigenen Leuten auf offener Straße erschießen. Es soll wie ein Attentat von einem Islamisten auf einen Europäer aussehen und wird auf allen Social Media Plattformen inszeniert. Als Karl tot auf der Straße liegt, stürmen vermummte Menschen aus allen Ecken in allen Städten Europas die Straßen und ermorden ausländisch aussehende Personen. Sie zünden Autos an und stürmen Regierungsgebäude. Der Sturm war von langer Hand über alle europäischen Länder geplant von Re/Generation.

Und natürlich ist die Situation überzogen und sehr schnell dargestellt, aber so einen Sturm hatten wir bereits. Auf das Reichstagsgebäude bei einer Corona Demo und in den USA auf das Capitol. Gruselig, oder nicht?

Optimale Besetzung

Jannis Niewöhner zählt zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern. Auch Luna Wedler schaue ich seit Biohackers sehr gerne zu. Zusammen waren die beiden die optimale Besetzung für mich. Super gespielt und überzeugend rübergebracht. Manchmal waren mir die Emotionen von Luna Wedler etwas zu überzogen, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Ein Film für jeden und alle

Ich finde JE SUIS KARL von Christian Schwochow absolut gelungen und verstehe voll und ganz, wieso dieser Film für die Oscars 2022 eingereicht wurde. Ich sage das selten, aber bei JE SUIS KARL gibt es kein Argument, warum man diesen Film nicht sehen oder weiterempfehlen sollte. Er trifft genau den Zahn der Zeit. Natürlich ist das keine leichte Kost, aber glaubt mir, es lohnt sich!

Fazit: 10 von 10 Karls

Also ab ins Kino, JE SUIS KARL läuft bereits seit dem 16.09.2021 in den deutschen Kinos! 

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