James Bond Filmreview: KEINE ZEIT ZU STERBEN

Von Gregor Wildermann

In der Geschichte der Bond-Filme gab es wohl noch nie eine Szene, auf die Fans seit dem Trailer so lange warten mussten. James Bond ist inmitten der italienischen Stadt Matera auf der Flucht. Auf dem Marktplatz ist er in seinem Aston-Martin DB5 von seinen Verfolgern umkreist. Bei Ihm die Frau die er liebt, jedoch auch ein böses Geheimnis zu haben scheint. Dann prasseln Schüsse auf den Wagen. Die Panzerung hält die Kugeln auf, doch der Tod kommt mit jedem Knacken des Glases näher. Die Kamera ist jetzt fast körperlich schmerzhaft nah. Liebe oder Tod? Wahrheit oder Pflicht?

Mit dieser packenden Szene beginnt der nunmehr 25 Bond-Film KEINE ZEIT ZU STERBEN und beendet gleichzeitig nicht weniger als eine Ära. Nach fünf Filmen tritt Hauptdarsteller Daniel Craig vom Dienst für seine Majestät ab. Er sollte und wollte die Figur des James Bond neu erfinden. Nicht weniger als ins neue Jahrtausend überführen. Eine Zeit, in der ein Wandel auch dringend notwendig war. Denn wann immer man über einer der erfolgreichsten Filmfiguren der Kinogeschichte spricht, geht es nicht nur um einen Film. Nicht nur um einen Mann im Smoking und einer Walther PPK als Waffe. Es geht um Weltgeschichte, einen Typus Mann und welche Identifikation eine Filmfigur auslösen kann. Und in Zeiten der Streaming-Dienste sogar darum, ob solch ein Film unbedingt im Kino laufen muss. Insgesamt eine schwere Hypothek, die 007 da mit jedem Auftritt mit sich herum schleppen musste.

KEINE ZEIT ZU STERBEN: Ein Abschied in Würde

Die Frage nach der Qualität des neuen Bond-Filmes muss man deshalb fast zwangsläufig mit einer Gegenfrage kontern: Was erwartet man selbst von diesem Film, der Figur? James Bond wird mittlerweile eine Menge abverlangt: Er soll modern und gleichzeitig klassisch sein. Er soll großes Franchise-Kino für die ganze Familie liefern und trotzdem eine eigene Action-Handschrift haben. Er soll witzig sein und trotzdem Weltkrisen lösen. Dabei wirkt es fast wie eine Ironie des Schicksals, wenn ein tödlicher personalisierter Virus die Bedrohung im neuesten Film darstellt. Haben wir das gerade nicht jeden Tag im Alltag erlebt?

KEINE ZEIT ZU STERBEN will in beinahe drei Stunden Laufzeit sehr viel, verhebt sich aber nach dem ersten spektakulären Drittel an dem Spagat zwischen all den Erwartungen. Dabei ist dies im geringsten Fall Daniel Craig zuzuschreiben, der in allen Szenen ganz in seiner Figur aufgeht. Auch im Fall von Lashana Lynch, die als Twist der Geschichte seinen Bond Titel des Agenten 007 erbt, beweist in Gestik und Worten, wie man der Figur neu Seiten abgewinnen kann. Auch Ana de Armis liefert mit Paloma eine schöne ironisierte Version des klassischen Bond-Girl, deren Ausschnitt trotz aller politischen Korrektheit extrem tief blicken lässt. Der größte Schwachpunkt bleibt auch in diesem aktuellen Bond-Film wieder einmal sein Gegenspieler.

Wer hat Angst vor dem kleinen Mann?

Lyutsifer Satin (dargestellt von Rami Malek) reiht sich leider in in eine ganze Ahnenreihe von eher schwachen Bösewichten, deren Gemeinsamkeit immer ein psychotisches Verhalten ist. Dabei ist eben dieser Wesenszug auch immer ihre größte Schwäche und damit so berechenbar wie die Frage nach Bondss Martini. Im Fall von Safin, der seinen eigenen Namen mühsam erklären muss, wird selbst bis zum Ende des Filmes nicht wirklich klar, warum er die Welt an den Abgrund bringen will.

Seit dem Ende des kalten Krieges ist den Drehbuchschreibern damit wieder keine wirklich überzeuge Motivlage eingefallen. Und das setzt sich auch in diesem Fall fort. Beim tieferen Blick auf die Geschichte bleibt es auch ärgerlich, wenn ein Actionfilm im Jahr 2020 immer noch eindimensionale Figuren wie den tollpatschigen Professor oder den sturen Geheimdienstchef aufbietet. Bei seiner Filmlänge hätte es „Keine Zeit Zu Sterben“ wirklich nicht an Minutenzahl für einen anderen Tiefgang gemangelt.

Location, Location, Location

Unverständlich bleibt auch, warum der Regisseur Cari Joji Fukunaga („True Detective“) als auch Eon Productions einer der stärksten Elemente der Bond-Reihe so gedankenlos aus dem Repertoire streicht. Denn gerade die verschiedenen Handlungsorte waren immer das Markenzeichen des Bond-Universums. Sie waren dabei gleichzeitig eben nicht nur Selbstzweck oder schöne Ansichtspostkarten. Wann immer Städte oder Ländernamen auf der Leinwand eingeblendet wurden, hatte der Zuschauer bestimmte Bilder im Kopf.

Was würde James Bond in Moskau, Paris, Istanbul oder Bangkok passieren? Solche Metropolen waren immer eine Spielwiese, auf der die Erfahrung vom Agenten Bond zum Spiegelbild seiner Ausbildung wurde. Im aktuellen Film sind die Handlungsorte leider nur beliebige Drehorte, deren Eigenschaften austauschbar sind. Jamaika könnte Johannesburg sein, der neblige Wald in Norwegen auch in der Nähe von Nürnberg gedreht sein. Und das gilt auch für ein anderes Markenzeichen, die Autos und Gadgets.

Obwohl damit immer noch massiv Werbung betrieben wird, sind die Vehikel für James Bond nichts weiter als vier Räder oder zwei Flügel auf dem Weg von A nach B. Geht es um die Familie, wählt James Bond sogar lieber den Toyota als den Aston-Martin. Im Rahmen der Geschichte und der Neudefinition mag das zum Teil sogar noch Sinn machen. Aber diese seltsame Mischung aus Referenz und Ignoranz ergibt eine Mischung, die immer halbgar wirkt.

Eine BBC-Serie wie „Bodyguard“ hat dagegen schon 2018 bewiesen, wie man es richtig macht. Der Schauspieler Richard Madden zeigte in der gleichnamigen Rolle, wie man als Brite gleichzeitig emotional als auch professionell agieren kann. Die Kamera und Geschichte versetze den Zuschauer inmitten einer nahezu simplen Geschichte, die trotzdem perfektes Kinofieber erzeugte. Warum wirkt James Bond dagegen wie die Kopie, wenn er doch eigentlich das Original ist?

Zukunft und Heute

Blickt man abschließend auf alle Filme aus der Ära von fünfzehn Jahren mit Daniel Craig kann das Urteil über den aktuellen Film durchaus auch etwas milder ausfallen. In jedem weiteren Film suchte er noch intensiver nach seiner eigenen Rolle als Agent und Privatperson, ging in Rente und kam trotzdem zurück. Die Liebe zu Madeleine Swann (Léa Seydoux) hielt sogar über zwei Filme und vielleicht ist das die eigentliche Neudefinition.

Sieht man James Bond als Liebesfilm mit guten Actionszenen, lässt sich mit dieser Mischung auch gut leben. Welcher Schauspieler die Rolle des 007 neu besetzen wird, dürfte ähnlich wie eine Regierungsfrage oder Papstwahl wieder Nachrichtenwert haben. Und Daniel Craig hat auf seine Art dafür gesorgt, das die Hypothek für den nächsten James Bond vielleicht etwas leichter geworden ist.

Fazit: Daher 6/10 Punkten

Besetzung: Daniel Craig, Rami Malek, Léa Seydoux, Lashana Lynch, Ben Whishaw, Naomie Harris, mit Jeffrey Wright, mit Christoph Waltz und Ralph Fiennes als „M“.

In weiteren Rollen: Rory Kinnear, Ana de Armas, Dali Benssalah, David Dencik und Billy Magnussen

KINOSTART: 30. SEPTEMBER 2021

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